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Prof. Dr. Reinhard Pabst

Prof. Dr. Reinhard Pabst studierte und promovierte in Hannover (Abschluss 1970), habilitierte sich in Ulm, kehrte 1976 an die MHH zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 2009 das Institut für Funktionelle und Angewandte Anatomie leitete. Er prägte nicht nur als engagierter Hochschullehrer, sondern viele Jahre auch als Mitglied der Hochschulleitung die Geschicke der MHH. Heute forscht er im Rahmen der Niedersachsenprofessur an der MHH.


Sie gehörten 1965 zu dem allerersten Jahrgang, der an der MHH studiert hat. Warum haben Sie sich damals für Hannover entschieden, das war ja nicht ganz ohne Risiko, sich auf eine Hochschule einzulassen, die es im Grunde noch gar nicht gab?

Damals gab es noch keinen NC, man konnte seinen Studienort frei wählen. Meine Bekannten von der Bundeswehr sind nach Heidelberg, Freiburg oder München gegangen und haben mich für verrückt erklärt, weil ich an die MHH wollte. Aber mich hat das Neue gereizt, denn ich versprach mir von so einer jungen Hochschule andere Wege, innovative Methoden. Und das hat sich auch wirklich bewahrheitet. Übrigens kamen die Bekannten, die vorher noch so skeptisch waren und die traditionsreichen Universitäten vorgezogen hatten, über die Jahre zuweilen doch ins Grübeln und hätten sicher manchmal gern getauscht.

 

Sie waren Studienvertreter im AStA, als die Studentenbewegung auf ihrem Höhepunkt war. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Da hat man schon gemerkt, dass die MHH einfach anders war. Vieles von dem, was die Studierendenvertreter anderer Hochschulen einforderten, wurde an der MHH schon gelebt. Das lag vor allem daran, dass die Professoren der Gründungsphase auch einen gewissen Pioniergeist mitbrachten. Sie kamen von anderen Hochschulen und hatten ziemlich genaue Vorstellungen, was man besser oder zumindest anders machen kann. Unsere Beteiligung an Berufungsverfahren, das studentische Stimmrecht im MHH-Senat, all das war in Deutschland zu der Zeit nicht selbstverständlich.

Auch in anderen Dingen waren die Professoren recht unorthodox: So gab es in den 60er Jahren das Praktische Jahr noch nicht. Weil man aber an der MHH einen Praxisblock für einen unabdingbaren Bestandteil des Medizinstudiums hielt, durften wir die so wichtigen praktischen Erfahrungen in der Klinik sammeln und erhielten am Ende dennoch Scheine, die auf dem Papier notwendig waren. Die MHH-Lehre war also damals schon visionär und mutig. Viele dieser Ansätze sind – vor allem durch die geänderten gesetzlichen Rahmenbedingungen – über die Jahre leider verloren gegangen. Umso mehr freut es mich, dass mit dem HannibaL-Studiengang so vieles von dem zurückgekehrt ist, was ich als Student geschätzt habe.

 

Wie haben Sie die MHH in den 60er Jahren in Erinnerung? Das Gelände sah damals ja noch ein bisschen anders aus…

Das kann man wohl sagen, das MHH-Gelände war einfach eine grüne Wiese. Es gab ein aufwändiges Computermodell, aber hier stand damals kein einziges Gebäude. Unsere Vorlesungen hatten wir an der Tierärztlichen Hochschule und an der Uni Hannover (damals noch Technische Hochschule Hannover). Der praktisch-medizinische Teil fand im Oststadtkrankenhaus statt. Dort hatte man im Keller einen Hörsaal für uns eingerichtet. Der war allerdings so klein, dass jedes Mal, wenn ein Patient vorgestellt wurde, die gesamte erste Reihe ihre Klappstühle zusammenklappen musste.

Als die Campus-Hochschule, die die MHH mittlerweile ist, habe ich sie zu Studienzeiten gar nicht mehr richtig erlebt. Die ersten Gebäude hier auf dem Gelände entstanden ja erst Ende der 60er Jahre. Für mich war es normal, täglich über 20 km mit dem Rad zu fahren, um zwischen den verschiedenen Standorten zu wechseln. Deshalb weiß ich den Campus heute umso mehr zu schätzen, weil die kurzen Wege den Austausch mit den Kollegen und die Interdisziplinarität fördern und erleichtern.

 

Ihre Frau Rosemarie hat auch an der MHH studiert. Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält: Wir haben uns nicht im Präpsaal kennen gelernt! Meine Frau hat ihr Studium ein Jahr nach mir begonnen und ist mir bei der Erstsemesterbegrüßung, die wir vom AStA aus organisiert haben, sofort aufgefallen. Und der Rest hat sich dann ergeben…

 

Gibt es noch einen Gegenstand aus Ihrer Studienzeit, den Sie aufgehoben haben?

Ich habe tatsächlich die alten Vorlesungsverzeichnisse aufgehoben, auch das allererste habe ich noch. Einige Zeitungsausschnitte habe ich auch behalten, von Spatenstichen und ähnlichen MHH-Ereignissen. Aber systematisch gesammelt habe ich nicht.


Sie waren lange Jahre Leiter des Instituts für Funktionelle und Angewandte Anatomie an der MHH. Was war für Sie die besondere Faszination der Anatomie?

Für mich zählt in der Lehre wie in der Forschung vor allem die Praxisnähe. Und die lässt sich in der Anatomie besonders schnell und leicht herstellen. Das habe ich durch eine Umstrukturierung der Lehrinhalte noch verstärkt. Ich wollte immer, dass die Studierenden die großen Zusammenhänge verstehen, daher sah ich keinen Sinn darin, zunächst ein ganzes Jahr Theorie zu machen, um dann für ein ganzes Jahr in den Präpsaal zu gehen. Bei mir gab es in der ersten Woche den Aufbau der Wirbelsäule in der Theorie, in der zweiten Woche ging es in den Präpsaal, in der dritten Woche kam ein Orthopäde in den Hörsaal und in der vierten Woche standen dann Rückenprobleme auf dem Programm. Da mussten die Studierenden sich gegenseitig untersuchen und die Fehlhaltungen ihrer Kommilitonen unter die Lupe nehmen – für alle Mediziner heißt das Stichwort „Anatomie am Lebenden“. Und mit diesem integrierten Ansatz haben wir uns dann durch den ganzen Körper gearbeitet.

In der Forschung war es ähnlich: Grundlagenforschung ist unheimlich wichtig, aber ich persönlich wollte immer konkrete Probleme aus dem klinischen Kontext lösen. So haben wir zum Beispiel Monate lang Leichen vermessen, um eine verlässliche Formel für das Einführen eines zentralen Venenkatheters zu entwickeln, damit beim Einführen keine Gefäßwand verletzt wird. Und dann freut es mich einfach, wenn nach der Veröffentlichung der Ergebnisse Rückmeldungen von Kliniken kommen, dass man den Katheter dort künftig nur noch nach unseren Empfehlungen einführen wird.

 

Sie gelten als MHH-Urgestein, weil Sie nicht nur hier studiert, sondern auch beinahe ihre gesamte wissenschaftliche Karriere an der MHH erlebt haben und ihr auch jetzt noch im Rahmen der Niedersachsenprofessur treu geblieben sind. In welchen Punkten hat sich die MHH seit den Anfängen Ihrer Meinung nach am meisten verändert?

Die zunehmende Größe hat die MHH aus meiner Sicht am meisten verändert. Der persönliche Kontakt zwischen den Professoren bzw. Wissenschaftlern hat darunter sehr gelitten, auch wenn vieles durch die räumliche Nähe hier auf dem Campus aufgefangen wird. Aber früher war das Zusammengehörigkeitsgefühl ausgeprägter. Die Antrittsvorlesung eines neuen Kollegen zu besuchen, gehörte zum guten Ton. Da sehe ich schon einen Unterschied, das wird jetzt immer weniger.

 

Sie waren selbst von 1993 bis 1997 Rektor der MHH. Was würden Sie sagen: Ist es heute schwerer oder leichter, an der Spitze der MHH zu stehen, als zu Ihrer Zeit? Oder einfach nur anders?

Das ist angesichts der aktuellen Probleme schwer zu sagen. In jedem Fall sind die strukturellen Voraussetzungen mit der Präsidialverfassung besser geworden. Ein Präsident hat mehr Entscheidungsfreiräume und mehr Zeit, Visionen umzusetzen. Wir wurden damals auf zwei Jahre gewählt, heute ist ein MHH-Präsident mindestens sechs Jahre im Amt, wenn nichts Grundlegendes schief läuft. Weiterer Vorteil: Ein Rektor übte sein Amt neben der regulären Tätigkeit als Abteilungsleiter aus. Ein Präsident hingegen übernimmt die Verantwortung hauptamtlich, und das ist angesichts der Komplexität der MHH sicherlich auch angemessen.

 

Sie galten immer als ein Professor, dessen Herz für die Lehre und die Studierenden schlägt. Sie haben gemeinsam mit Ihrer Frau Stipendiaten der Deutschen Studienstiftung betreut und engagieren sich heute für das MHH-Deutschlandstipendium. Was würden Sie heutigen Studierenden für ihr Studium an der MHH mit auf den Weg geben?

Mir war es immer wichtig, meinen Studierenden das Ausmaß der Verantwortung klar zu machen, die sie übernehmen, wenn sie sich für den Arztberuf entscheiden (und das tun am Ende ja die meisten). Ein Studienrat weiß schon vorher, dass im nächsten Schuljahr Faust drankommt und kann sich entsprechend gezielt darauf vorbereiten. Ärzte hingegen müssen flexibel, kreativ und fachlich auf dem neuesten Stand sein, denn in vielen Situationen gibt es keine Zeit für lange Vorbereitungen. Deshalb ist das Thema Weiterbildung ja auch so wichtig! Als Arzt – vor allem in einer Klinik – muss man sich daran gewöhnen, dass man nicht jeden Patienten retten kann. Man sollte aber keinen Patienten verlieren müssen, weil man etwas nicht wusste.

Eine weitere Sache möchte ich den Studierenden ans Herz legen: Nutzen Sie Ihre Chancen und bewerben Sie sich für ein Stipendium! Es gibt heute so viele Möglichkeiten, Unterstützung zu bekommen: vom Büchergeld, der Finanzierung von Auslandssemestern und Sommerakademien bis hin zu Vollstipendien. Trauen Sie sich etwas zu und bewerben Sie sich!

 

Herr Professor Pabst, herzlichen Dank für das Gespräch!